Un beau soleil intérieur

Un beau soleil intérieur

Belgien, Frankreich 2017, 94 Min., Regie: Claire Denis, Darsteller: Juliette Binoche, Gerard Dépardieu

«Un beau soleil intérieur» – der Traum von amouröser Erfüllung
Juliette Binoche brilliert im neuen Film von Claire Denis als Künstlerin auf der Suche nach dem «richtigen» Mann. Die Asymmetrie der eingegangenen Beziehungen sorgt für allerlei burleske Verwicklungen.
Das Casting überrascht nicht weniger als die Form: Die Komödie, die um das Liebesleben einer von Juliette Binoche gespielten Endvierzigerin kreist, kontrastiert mit den von Sehnsucht und Fernweh durchzogenen Dramen, denen die Regisseurin Claire Denis ihre singuläre Position in der französischen Filmlandschaft verdankt. Auch in seinem wortreichen, stets demonstrativen Ausdruck unterscheidet sich «Un beau soleil intérieur» von den kargen Dialogen, die etwa den Figuren in «L’intrus» (2004) ihre dunkle Verführungskraft verliehen.
Auf dem emotionalen Kreuzweg
Die Kursänderungen in Ton und Sprache mögen daran liegen, dass die Filmemacherin, die ihr Skript eigentlich an Roland Barthes’ «Fragmente einer Sprache der Liebe» orientieren wollte, das Projekt aus urheberrechtlichen Gründen absagen musste. Anstelle einer Illustration von Barthes’ Meditationen hat Denis nun (in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Christine Angot) eine süsssäuerliche Beziehungschronik geschrieben, die tief im Pariser Hier und Jetzt verankert ist.
In einer beeindruckenden Performance gibt Juliette Binoche das Porträt der Künstlerin Isabelle, die zwischen ihren Liebhabern pendelt und trotz deren Mediokrität stets von einer amourösen Erfüllung träumt. Sämtliche Schattierungen von Enttäuschung, Rage und Mutlosigkeit ziehen im Lauf ihres emotionalen Kreuzwegs über ihr Gesicht, bis sie einen pendelschwingenden Wahrsager aufsucht (grossartig: Gérard Depardieu), der ihr buchstäblich in letzter Minute – als der Abspann bereits über die letzten Einstellungen läuft – eine Begegnung mit dem «richtigen» Mann verspricht.
Die Atemlosigkeit von Isabelles Suche spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Dichte ihrer amourösen Begegnungen. Nie gleitet die Handlung ins Nebensächliche ab, die sanft geführte Kamera (Agnès Godard) beweist genügend Raumgefühl und Timing, um die Aufmerksamkeit des Publikums jeweils auf ihre inneren Empfindungen zurückzuführen. Diesem fein schraffierten Frauenleben steht eine Galerie von Männern gegenüber, deren innere Defizite nachgerade mit der Radiernadel gezeichnet scheinen.
Verlust der Contenance
Der verheiratete Bankier (Xavier Beauvois) bringt ihr Blumen ins Atelier, um sie auf Abruf bereitzuhalten, während ihr der zaudernde Schauspieler nach einer umständlichen Liebesnacht den Laufpass gibt. Weiter sind da ein depressiver, aus der Zeit gefallener Bourgeois und der Ex-Mann, der ihr vorwirft, mit ihrer seelischen Labilität das Gleichgewicht der gemeinsamen Tochter zu gefährden. Eine Sonderstellung im Reigen nimmt der unbekannte Vernissage-Besucher ein (Alex Descas), der mit seiner wortlosen Präsenz einen der seltenen Momente von Ambivalenz hervorzurufen vermag.
Es ist diese Asymmetrie in den Beziehungen, die dem Film seine burlesken Szenen vorgibt – etwa, wenn Isabelle einer Freundin erklärt, dass sie einst allein beim Aussprechen des Wortes «salaud» eine sexuelle Erregung verspüren konnte. Beim Ausflug in die Provinz treiben sie der Snobismus und das wortreiche Schwärmen der Künstlerbekannten angesichts der Harmonie der Landschaft während eines kurzen Augenblicks gar zum Contenance-Verlust. Am Abend wird sie in einer Provinzdiskothek einen Mann kennenlernen, mit dem es für die Dauer eines Songs zur langersehnten Nähe kommt.
Der Moment ist intensiv genug, um die Erinnerung an Denis' frühere Filme wie «Beau travail» (1999) und «35 rhums» (2008) zu wecken, in denen sie ebenfalls Bilder fand, um das Verlangen der Protagonisten förmlich greifbar zu machen. Mit der Rückkehr nach Paris werden allerdings auch Isabelles Klassenreflexe wieder spielen, was wiederum dem Lover, der mit den Codes der Hauptstadt nicht vertraut ist, zum Verhängnis wird. Soziologisch mögen die von «Un beau soleil intérieur» gezogenen Linien schlüssig erscheinen, in inszenatorischer Hinsicht lässt der Film jedoch schmerzlich all jene Brüche und Kanten vermissen, die Claire Denis' Arbeit üblicherweise ihre ästhetisch innovative Dimension verleihen.
★★★☆☆ Kino Arthouse Movie in Zürich.

Vorgeschlagen von: 

Dieter Kuhn, Wohlen

Anzahl Stimmen: 774

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