Leave No Trace. Regie: Debra Granik

Leave No Trace. Regie: Debra Granik

USA 2018, 108 Min.

Es gibt kein Jenseits der Gesellschaft: Die amerikanische Regisseurin Debra Granik verhandelt in ihrem neuen Film über einen Aussteiger und dessen Tochter zentrale Fragen des menschlichen Zusammenlebens.

Gemeinsam mit seiner Tochter Tom, bestechend gespielt von Thomasin McKenzie, lebt Will (Ben Foster) im Wald. Sie ernähren sich vom Angebot der Flora, verfügen über eine perfekte Ausrüstung, wandern von Ort zu Ort. Als die beiden jedoch von der Polizei entdeckt und auf eine Farm zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung gebracht werden, findet das asketische Dasein vorerst sein Ende. Dort lernen sie einen gänzlich anderen Umgang mit der Natur kennen. Während Tom durch einen Nachbarsjungen Einblick in das Geschäft der Kaninchenzucht erhält, muss ihr Vater beim Fällen von Weihnachtsbäumen mithelfen.
Das Leben in und mit der Natur ist einem Herrschen über sie gewichen. Die Regisseurin Debra Granik erzählt diese Entfremdungsgeschichte jedoch nicht mit moralisierendem Impetus. Ihr Zugang ist stattdessen so minimalistisch wie naturalistisch, fast schon an das Dokumentarische heranreichend. Sie braucht dafür auch keine epischen Dialoge. Allein die Nahaufnahmen der Blicke der beiden Nomaden bezeugen deren Sehnsüchte: ihre nach einem Ort zum Bleiben, seine nach der Rückkehr in die Wildnis. Woher Wills Gesellschaftsskepsis stammt, deutet der Film in einer Szene nur dezent über eine Tonspur von rasenden Jagdflugzeugen an. Der Krieg hat ihn zu einem misanthropischen und ruhelosen Überlebenskämpfer werden lassen, den nun auch seine letzte Gefährtin zu verlassen droht. Noch einmal folgt ihm Tom beim Aufbruch von der Farm, hinein in eine eisige Berglandschaft. Und obwohl sie dort nur knapp dem Kältetod entgeht, lässt er sich von seinem Weg ins Nirgendwo nicht abbringen.
Wie lange hält die Zweierbeziehung noch? Und wohin steuert dieser Film? Die meisten Fragen, die in den Sinn kommen, bleiben unbeantwortet. Statt um eine in sich geschlossene Story geht es Garnik vielmehr um die Beleuchtung sozialer Wechselwirkungen. Ihren präzisen, soziologischen Blick hat sie bereits mit ihrem Film «Winter‘s Bone» (2011) bewiesen, einer anders gelagerten Vater-Tochter-Geschichte, die aber ebenso wie «Leave No Trace» in der amerikanischen Provinz spielt.
4/5*
Filmkritik NZZ, 10. 10. 2018, Björn Hayer (Ausschnitt)

Vorgeschlagen von: 

Dieter Kuhn, Wohlen

Anzahl Stimmen: 734

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